Dialog-4

Vor zwei Jahren habe ich angefangen,
intensiv an meiner Aussprache im Deutschen zu arbeiten.
Und jetzt habe ich einen Punkt erreicht, an dem die meisten Menschen, denen ich begegne,
nicht merken, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist.
Ich spreche in 90 bis 95 Prozent der Fälle akzentfrei.
Ich weiß, es sind keine 100 %, aber ich bin jetzt mit diesem Ergebnis zufrieden.
In diesem Video zeige ich euch, wie ich an meiner Aussprache gearbeitet habe,
und ich teile ein paar Erkenntnisse und Tipps, von denen ich gerne gewusst hätte,
als ich mit der Arbeit an der Aussprache angefangen habe.

Bevor wir anfangen, ein wichtiger Hinweis:
Ich habe ein kostenloses Aussprache-Event organisiert,
in dem ich euch alles, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, weitergebe.
Es ist eine Zusammenstellung aus meiner Erfahrung und der Erfahrung meiner Schülerinnen und Schüler
aus meinem Aussprachekurs.
Dabei gehen wir wirklich in die Tiefe und schauen uns an,
welche Fehler oft gemacht werden, welche Laute wirklich schwierig sind
(Spoiler: Es ist nicht das „r“ und auch nicht das „ö“ oder „ü“)
und auch, was in meinem Fall den größten Unterschied gemacht hat.
Das Event findet am 02.11. statt,
und die Aufzeichnung bleibt nur wenige Tage online.
Den Link dazu habe ich euch in der Videobeschreibung gelassen.

Falls ihr das nicht wisst: Ich bin vor neun Jahren nach Deutschland gezogen,
und die ersten Jahre, genauer gesagt die ersten sieben Jahre,
hatte ich einen ziemlich starken Akzent.
Ich bin in Moldau geboren und in Italien aufgewachsen.
Das hat dazu geführt,
dass mein Akzent eine Mischung aus osteuropäisch und italienisch war.

In den ersten Jahren in Deutschland
habe ich mich vor allem auf die Grammatik fokussiert,
dann habe ich am Wortschatz gearbeitet, dann kam später die Idiomatik dazu.
Ich habe also versucht, authentisch zu sprechen,
aber die Aussprache ist dabei ein bisschen auf der Strecke geblieben.

Und so habe ich viele peinliche Momente erlebt, vor allem in der Uni.
Außerdem habe ich sehr oft die Frage „Woher kommst du?“ bekommen.
Und an sich ist diese Frage vollkommen in Ordnung, aber ich habe sie täglich bekommen –
auch in Situationen, in denen sie nicht relevant war
und auch nicht aus aufrichtigem Interesse gestellt wurde.

Ich weiß noch, wie frustrierend das war.
Ich hatte das Gefühl,
egal wie gut ich Deutsch konnte, egal wie viele Prüfungen ich bestand,
ich wurde immer zuerst über meine Aussprache wahrgenommen.

Und das Problem ist: Viele Muttersprachler können gar nicht
zwischen Sprachkenntnissen und Aussprache unterscheiden.
Wenn man einen starken Akzent hat, dann kann man NICHT SO GUT DEUTSCH,
auch wenn man eigentlich keine Fehler macht.

Außerdem habe ich nicht selten Situationen erlebt,
in denen ich mich wiederholen musste, weil mein Gegenüber mich nicht verstanden hat.
Und das war richtig frustrierend.

Also habe ich angefangen, an meiner Aussprache zu arbeiten.
Ich habe angefangen, Videos zu schauen, Serien zu hören,
Sätze nachzusprechen, mich aufzunehmen, mich zu vergleichen.
Am Anfang war das ein reines Imitieren, fast wie Schauspielerei.
Ich habe Stimmen kopiert, Pausen, Intonation.
Ich war überzeugt, dass ich so Fortschritte machen würde.

Und tatsächlich – nach einer Weile klang ich besser.
Ich hatte keine Probleme mehr mit dem ich-Laut oder dem ch-Laut.
Aber trotzdem klang es noch nicht natürlich.
Es war besser, aber nicht authentisch und nicht immer korrekt.
Und ich konnte nicht verstehen, warum.

Ich habe also angefangen, mit einer Logopädin
an meiner Aussprache zu arbeiten, und das war sehr nützlich,
weil ich dadurch meine Schwächen erkannt habe, aber es war nicht genug.
Die Logopädin war zwar sehr kompetent, aber sie konnte nicht immer verstehen,
wie es ist, als Nicht-Muttersprachlerin an der Aussprache zu arbeiten.

Also habe ich selbst weitergelernt, auch mit anderen Expertinnen,
und ein paar Sachen entdeckt, die in keinem Phonetik-Buch stehen.

1.
Die Wörter, die am häufigsten falsch ausgesprochen werden,
sind die, die auch in unserer Muttersprache existieren.

Das habe ich an mir selbst beobachtet.
Als ich bereits eine bessere Aussprache hatte,
habe ich gemerkt, dass ich bei Wörtern,
die in meiner Muttersprache ähnlich sind, plötzlich wieder einen stärkeren Akzent hatte.

Nehmen wir zum Beispiel das Wort „Pizza“.
Auf Italienisch sagt man pizza, auf Deutsch Pizza.
Ich weiß nicht, ob ihr den Unterschied hören könnt,
aber auf Deutsch klingt das Wort anders.
Wir haben eine Aspiration beim „p“ und ein kurzes „i“.
Auf Italienisch gibt es den Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen nicht.

Oder Wörter wie „Papa“ oder „Mama“
sind auch anfällig für Fehler, weil sie so ähnlich in vielen Sprachen sind.
Unser Gehirn kennt sie so gut,
dass dabei die Gefahr besteht, in alte Muster zu verfallen.

In meinem Aussprachekurs diesen Sommer hatte ich eine sehr gute Schülerin,
die am Ende fast ein muttersprachliches Niveau erreicht hat.
Aber: Sie hatte am Ende noch ab und zu Schwierigkeiten mit dem Wort „Stuhl“.
Ihre Muttersprache ist Russisch, und ich habe erfahren,
dass dieses Wort auf Russisch sehr ähnlich ist, sodass ihr Sprechapparat
automatisch in diese bekannte Position gegangen ist.

Also: Sobald ein Wort euch bekannt vorkommt,
weil es in eurer Muttersprache sehr ähnlich ist, dann seid vorsichtig.
Das gilt auch für den nächsten Punkt.

2.
Einfache, alltägliche Wörter sind ebenfalls Wörter,
bei denen oft Fehler gemacht werden.

Man denkt oft,
man muss Zungenbrecher auf Deutsch können, um eine gute Aussprache zu haben,
oder schwierige Wörter wie „Eichhörnchen“ oder „ausschließlich“ aussprechen können.

Aber die meisten Fehler passieren bei Wörtern, die wir jeden Tag nutzen.
Es sind wirklich ganz banale Wörter wie:
„den“, „dem“,
„Tag“, „Sache“,
„Post“, „Buch“
oder „Übung“.

Und auch da ist der Grund ganz einfach:
Unser Gehirn kennt diese Wörter schon lange, weil wir sie ganz am Anfang gelernt haben –
und somit hat sich eine nicht korrekte Aussprache eingeprägt.

Auch das habe ich bei meinen Schülerinnen und Schülern
im Aussprachekurs gesehen:
Neue Wörter, die sie vielleicht zum ersten oder zweiten Mal sehen, können sie oft besser aussprechen,
weil ihr Gehirn den Klang besser wahrnehmen kann.

Bei Wörtern, die wir schon lange kennen,
stellen wir gar nicht in Frage, wie man sie ausspricht.
Und das führt zu Fehlern.

3.
Shadowing funktioniert nicht immer.

Ich glaube, ich bin ein Beispiel dafür,
dass Shadowing nicht funktioniert – zumindest nicht immer.
Ich habe am Anfang, wie gesagt, alleine an meiner Aussprache gearbeitet
und habe das gemacht, indem ich versucht habe, ganz viel zu imitieren.

Das hat aber nicht besonders viel gebracht,
weil mir nicht bewusst war, welche Fehler ich gemacht habe.

Warum das?
Weil ich mich mit der Theorie nicht beschäftigt habe
und somit auch nicht richtig hören konnte.

Es ist sehr wichtig, die Theorie zu verstehen,
um wissen zu können, wo man Fehler macht und um Muster erkennen zu können.

Vor allem bei Vokalen ist es besonders kompliziert zu imitieren,
wenn man sich mit der Theorie nicht befasst hat,
weil man das aus der Muttersprache in den meisten Fällen nicht kennt.

In den meisten Sprachen gibt es lange und kurze Vokale nicht.
Vor allem bei Vokalen wie „a“ und „e“ ist es besonders schwierig,
und da hilft Shadowing nicht immer.

4.
Deutsche Muttersprachler hören anders als Nicht-Muttersprachler.

Ich weiß noch, als der Moment kam,
in dem ich verstanden habe, dass Hören die Grundlage von allem ist.

Muttersprachler hören anders als Nicht-Muttersprachler.
Sie verstehen dich nicht, weil sie Klänge anders hören,
als du sie hörst oder als du denkst, sie auszusprechen.

Das heißt, sie nehmen ganz andere Laute wahr – besonders bei Konsonanten.

Und das heißt für uns: Wir müssen erst einmal lernen,
wie deutsche Muttersprachler zu hören.

Das gilt wie gesagt vor allem bei Konsonanten.

Hier ist ein Beispiel aus meiner Erfahrung:
Ich war überzeugt, dass ich ein deutliches „P“ spreche,
aber meine Logopädin und meine deutschen Freunde haben ein „B“ gehört.

Zum Beispiel in Wörtern wie „Post“, „packen“ oder „Papa“.
Für mich klang das völlig richtig – „Post“, „packen“, „Papa“ –
aber für sie klang es zu weich, fast wie ein „B“.
Man hat anstelle von „packen“ „backen“ gehört.

Im Deutschen gibt es nämlich bei diesen Lauten, den sogenannten Plosiven – also bei P, T und K –
eine kleine Luftexplosion, eine sogenannte Aspiration.
Sie sorgt dafür,
dass man sie im Deutschen deutlich von B, D und G unterscheiden kann.

In vielen anderen Sprachen gibt es diesen Unterschied nicht.
Dort werden die Konsonanten anders ausgesprochen, aber ohne Aspiration.
Im Deutschen gibt es sie – und genau das hören Muttersprachler sofort.

Wenn diese Aspiration fehlt, klingt der Laut für sie falsch.
Und sie können oft gar nicht sagen, warum,
aber er klingt unnatürlich oder führt sogar dazu,
dass man ein anderes Wort versteht – wie bei „packen“ und „backen“.

Und so habe ich verstanden, dass Hören wichtiger ist,
als einfach nur zu sprechen.
Ich musste lernen, meine Wahrnehmung zu verändern,
um überhaupt zu hören, was Muttersprachler hören – und erst dann konnte ich sie imitieren.

Das waren nur ein paar Erkenntnisse, die ich sammeln konnte.
Viel mehr über meine Geschichte, meine Techniken
und darüber, wo ich gelernt habe, gibt es im kostenlosen Aussprache-Event.

Das Event ist komplett kostenlos,
aber wenn ihr noch intensiver an eurer Aussprache arbeiten möchtet,
dann erwarte ich euch in meinem Aussprachekurs, dessen Anmeldung nach dem Event startet.

Ich hoffe, das Video war hilfreich für euch.
Schaut unbedingt beim Event vorbei – der Link ist in der Beschreibung –
und wenn ihr Fragen habt, schreibt sie gerne in die Kommentare.

Ich hoffe, dass ihr etwas Neues gelernt habt.
Vielen Dank fürs Zuschauen.
Das war’s für heute, bis zum nächsten Mal!